Digitaltechnik als Indikator gesellschaftlicher Veränderungen

Tabea Thoele

Inzwischen ist unsere historische Presseschau zum Abzug der früheren Sowjetarmee aus Ostdeutschland abgeschlossen. Nach unserer Recherche, einem gründlichen Lektorat sowie der Veröffentlichung schließt sich eine Reflexion an. Neben Wissensakquise und der Sichtung von Material wird nach den Monaten der Arbeit für das Dekoder-Projekt vor allem klar, dass die Quellenlage durch Digitalisierung zunehmend fragmentierter wird. Wie erheben wir Daten, was hat sich durch Digitaltechnik verändert ?

Während wir für die historische Presseschau zum Jahr 1994 unter anderem in lokalen Printmedien wie der „Neuen Wernigeröder Zeitung“ zum Abzug sowjetischer Soldaten fündig wurden, müssen heute themenunabhängig zahllose Online-Beiträge sorgsam kuratiert werden, um ein Bild der öffentlichen Meinung zunächst erfassen und skizzieren zu können.

Informationen sind dezentralisiert – zu zahlreichen Themen werden auf Plattformen wie Twitter, Facebook oder auf verschiedenen Blogs digitale Inhalte von Organisationen, LokalpolitikerInnen oder Privatpersonen verbreitet. Diese Nachrichten- und Datenflut verselbstständigt sich innerhalb kürzester Zeit. Während die Entstehung neuer Kommunikationskanäle Zugang zu unzähligen Textquellen bietet, wird es zunehmend anspruchsvoller, den Wahrheitsgehalt von Informationen zu prüfen.

Aber was bedeutet diese Fülle, dieses Anwachsen für uns als Gesellschaft? Interessante Denkanstöße liefert der Soziologe Prof. Dr. Armin Nassehi, welcher die Differenzierung von Kommunikationstechnik als “Reaktion” auf die durch die industrielle Revolution ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen sieht. Durch die Digitalisierung, so Nassehi, würden gesellschaftliche Strukturen sichtbar:

„Digitaltechnik hat etwas emanzipatorisches: sie kann auf unsichtbare Verbindungen hinweisen, die ihrerseits etablierte Formen dessen, was wir immer schon für richtig halten, infrage stellen können, Muster erkennen.”

Auf die zunehmende Komplexität reagiere das System Gesellschaft also durch zunehmende Differenzierung. Die Erarbeitung unserer Presseschau hat dabei einerseits aufgezeigt, dass zusätzlich zu digitaler Recherche – insbesondere zu historischen Themen – analoge Medien wie Archive, Zeitungen und Mikrofilme zur Recherche herangezogen werden müssen. Andererseits entstehen, so Nassehi, durch die Digitalisierung zahlreiche Möglichkeiten in der Aufbereitung dieser Daten für die Öffentlichkeit. Durch die fortschreitende gesellschaftliche Komplexität werden durch Digitalisierung

„die Muster gesellschaftlicher Routinen [rekonstruiert], die diesen selbst nicht transparent sind”.

Inhalte werden in Datenbanken eingepflegt, um digital abrufbar zu werden, anhand von Algorithmen und neuen Technologien aus den Feldern Data Science, Machine Learning und Künstlicher Intelligenz können große Datenmengen dadurch gebündelt und abstrahiert werden – so dass sich zuvor verborgene Zusammenhänge aufdecken lassen und wodurch sich gleichzeitig mehr Daten in kürzerer Zeit auswerten und vergleichen lassen.

Literatur:

Linß,  Vera (2019): Wie Technik die Moderne sichtbar macht. Armin Nassehi, „Muster”. In: https://www.deutschlandfunkkultur.de/armin-nassehi-muster-wie-technik-die-moderne-sichtbar-macht.950.de.html?dram:article_id=457560.

Nassehi, Armin (2019): Wir sollten die Digitaltechnik nicht vorschnell verurteilen. In: WELT: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article199126661/Computerzeitalter-Wir-sollten-die-Digitaltechnik-nicht-vorschnell-verurteilen.html.

Nassehi, Armin (2019): Muster. Eine Theorie der digitalen Gesellschaft. C.H.Beck Verlag.

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